Archive für Juni, 2008

Abschied von der Erde

Donnerstag, Juni 5th, 2008
Hallo ihr Großen,

Hier meldet sich noch einmal eure Arlett. Seit dem 05.06.2008 bin ich nun ein kleiner Engel und beobachte, was ihr so auf der Erde macht. Doch wie ich meine letzten Tage auf der Erde verbracht habt, werde ich euch mal kurz berichten: Eigentlich sollte ich ja schon vor ein paar Wochen operiert werden, aber da es mir so gut ging und ich so richtig das Leben mit meinen Eltern und Freunden genossen hatte, wollten die Ärzte lieber noch etwas warten. So durfte ich gemeinsam mit meinen Eltern in einem Zimmer im Krankenhaus wohnen und konnte mich so richtig verwöhnen lassen. Besonders für meine Mutti waren die Nächte zwar sehr kurz und manchmal auch etwas anstrengend, aber es war für uns Alle eine wunderschöne Erfahrung immer zusammen zu sein.

Wir durften sogar an den letzten beiden Wochenenden das Krankenhaus für eine halbe Stunde verlassen und ich habe zum ersten Mal in meinem Leben echte Bäume, Autos und die liebe Sonne gesehen. Ich muss aber ganz ehrlich sagen, dass mir die liebe Sonne manchmal auch etwas zu doll auf der Nase rumgetanzt ist.
Trotz Allem wussten meine Eltern, dass ich bald 5 Monate alt werde und die Ärzte gesagt hatten, dass ich spätestens mit 5 Monaten wieder operiert werden muss. Letzten Dienstag (am 03.06.08) kam deshalb auch ein Professor zu meiner Mutti und hat ihr gesagt, dass sie am nächsten Tag ein Gespräch mit dem Herzchirurgen haben wird. Ich habe das natürlich auch gehört und in diesem Moment habe ich mir überlegt, was da wohl wieder alles auf uns zukommen wird. Wir hatten ehrlich gesagt alle sehr große Angst vor der OP. Ich wurde ja bereits schon zweimal operiert und 3 Mal hatte ich einen Herzkatheter.

Am Abend sollte ich nicht mit meiner Mutti in einem Zimmer schlafen, sondern sollte die Nacht auf der Wachstation verbringen, da es mir sehr warm auf der Normalstation war und ich damit ganz schön zu kämpfen hatte. Ich bin an diesem Abend schon sehr zeitig eingeschlafen und Mutti und Oma haben mich dann bereits schlafend im Kinderwagen abgegeben. So habe ich es ehrlich gesagt erstmal gar nicht gemerkt, wo ich bin.

In der Nacht haben die lieben Schwestern versucht mir etwas zu essen zu geben, aber durch die Hitze war es mir schon in den letzten Tagen sehr schlecht und so konnte ich nicht so richtig die Milch im Bauch lassen.

Am Morgen kam meine Mutti wieder zu Besuch. Ich war ehrlich gesagt sehr hungrig, aber ich sollte nicht soviel zu Essen bekommen, damit es mir nicht übel ist. Mutti hat mich auf ihren Schoß genommen und hat versucht, mich vom Hunger abzulenken. Ich habe noch einmal mit ihr gekuschelt. Auch mein Opa kam zu Besuch.

Mittags wurde ich dann langsam auch ganz schön müde. Meine Mutti hat mich deshalb in mein Bettchen gelegt, mich eingekuschelt und hat mir noch einen kleinen Himmel aus einer Decke gebaut. Als sie und Opa gegangen sind, habe ich schon geschlafen. Mir ist es bis zu diesem Zeitpunkt eigentlich richtig gut gegangen und auch die Ärzte waren mit meinen “Werten” und Befunden sehr zufrieden.

Während meines Mittagsschlafes habe ich mir aber mit einem Mal überlegt, was es bedeutet noch einmal operiert zu werden und dass ich nun eigentlich wirklich fast alles Versprochene mit meinen Eltern erlebt habe… Ich habe mich dann entschieden, dass es nun vielleicht Zeit ist wieder in den Himmel zurückzukehren.

In diesem Moment haben die Schwestern und Ärzte gesehen, dass ich mit einem Mal gar nicht mehr richtig geatmet habe und mein kleines Herzchen nicht mehr richtig gearbeitet hat. Sie haben gleich versucht mir mit einem Beatmungsschlauch und vielen Medikamenten zu helfen. Es waren gleich ganz, ganz viele Ärzte, Professoren und Schwestern an meinem Bettchen. Ein Arzt hat dann auch gleich meine Mutti angerufen und ihr gesagt, dass sie ganz schnell zurückkommen muss. Sie hat dann schnell meinen Papa angerufen (der ja in Berlin arbeiten musste) und hat auch meinen Opa benachrichtigt. Mutti ist ganz schnell zu mir rüber gerannt. Eine Schwester hat sie in Empfang genommen und hat ihr berichtet, wie es mir geht. Nach einer Weile kam dann auch meine Oma und mein Opa. Sie durften dann noch nicht zu mir reinkommen aber sie waren nur eine Wand von mir getrennt. Die Ärzte haben weiterhin versucht, mir zu helfen aber eigentlich hatte ich mich ja schon entschieden.

Gegen 16.00 (genau zu der Zeit, an der mein Papa auf dem Bahnhof Leipzig angekommen war) ist der Oberarzt zu meiner Mutti gegangen. Er hat lange mit ihr geredet und ihr gesagt, dass es sehr schlecht aussieht und sie sich evtl. von mir verabschieden muss. Dabei hat auch er geweint. Meine Mutti hatte von Anfang an ein komisches Gefühl und hatte im Innersten gedacht, dass ich mich dieses Mal so entscheiden werde und sie das akzeptieren muss.

Nachdem der Oberarzt wieder zu mir gegangen ist, habe ich noch einmal gespürt, wie lieb mich doch so viele Menschen haben und ich habe überlegt ob ich nicht doch lieber noch eine Weile auf der Erde bleiben möchte. In diesem Momenten sind wie durch ein Wunder meine Werte wieder besser geworden und ich habe noch einmal allen gezeigt, wie besonders ich bin! Zu diesem Zeitpunkt kam auch mein Papa. Auch er war sehr erschüttert. Der Oberarzt kam dann noch einmal raus und hat uns gesagt, dass es mir mit einem Mal wieder besser geht. Keiner konnte sich erklären, wie das passiert ist. Mutti, Papa, Oma und Opa durften deshalb kurz zu mir. Sie waren natürlich traurig, mich wieder mit den ganzen Kabeln und Schläuchen zu sehen, aber gleichzeitig auch glücklich zu mir zu dürfen.

Gegen 18.00 Uhr war ich dann soweit stabil, dass ich auf die Intensivstation mitsamt allen Maschinen transportiert werden konnte. Dort ging es mir aber leider wieder schlechter. Ich muss ganz ehrlich sagen, dass mir auf der Intensivstation wieder die gesamte schwere Zeit eingefallen ist und ich wieder ganz schön gezweifelt habe… Als meine Eltern und Großeltern bei mir waren, ist mit einem Mal mein Herz immer schwächer geworden. Sie mussten dann ganz schnell raus aus meinem Zimmer. Gegen 21.00 Uhr ging es mir wieder besser. Keiner konnte sich aber erklären, warum es mir besser gegangen ist, da es medizinisch überhaupt nicht möglich gewesen wäre. Selbst der Professor hat davon gesprochen, dass ich von einer anderen Welt sei. Ich habe einfach wieder gespürt, wie lieb mich so viele Menschen haben und wollte noch einmal beweisen, was ich für eine Kämpferin bin.

Meine Eltern und Großeltern durften dann wieder zu mir und sind fast die gesamte Nacht bei mir gewesen. Einmal in der Nacht wollte ich auch meinen Eltern zeigen, dass ich sie trotz starken Beruhigungs- und Schlafmitteln spüre und mein Herzchen ist bei ihrem Besuch wie durch ein Wunder wieder stärker geworden.

Zwischendurch haben ganz liebe Schwestern der Wachstation sich um meine Eltern und Großeltern gekümmert und sie mit Essen und Trinken versorgt. Auf fast allen Monitoren im Herzzentrum, wurden meine Werte angezeigt und jeder hat mit mir gebangt. Am Morgen bei der Visite wurde entschieden, dass keine zusätzlichen Maßnahmen unternommen werden und ich mich allein entscheiden soll. Mutti und Papa haben das auch noch einmal den Ärzten gesagt. Am Wichtigsten war für sie, dass ich nicht leiden muss und ich nicht zum Leben gezwungen werde.

Ich habe auch eine Lieblingsschwester, welche die gesamte Zeit im Krankenhaus auf mich aufgepasst und für mich gekämpft hat. Sie und mein Onkel sind auch meine Paten. Diese Lieblingsschwester hatte eigentlich gar keinen Dienst auf der Intensivstation, durfte aber extra tauschen um in den letzten Stunden mit bei mir zu sein.

Nach der Visite waren Mutti, Papa, Oma und Opa wieder an meinem Bettchen. Sie haben sich lange von mir verabschiedet, da sie gespürt haben, dass ich jetzt gehen möchte. Sie haben mir noch einmal gesagt, wie stolz sie auf mich sind und wie lieb sie mich haben. Zum Schluss haben meine Eltern mir gesagt, dass ich nicht wegen ihnen weiterleben muss und dass sie glücklich sind, dass es mich gibt. Ich sollte ganz allein entscheiden und sie haben mir versprochen, dass sie zwar traurig sein werden aber trotzdem weiter versuchen glücklich zu leben.

In diesem Moment habe ich mich endgültig entschieden. Mein Herz wurde immer schwächer. Der Oberarzt, welcher mich durch die gesamte Zeit meines Lebens begleitet hat kam ins Zimmer. Er und meine Patentante haben mich dann zu meinen Eltern getragen und in ihren Arm gelegt. Ich habe noch ein paar Minuten die Nähe zu Mutti und Papa genossen und bin dann ganz friedlich und geborgen in ihren Armen für immer eingeschlafen. Ganz lange haben mich meine Eltern so in ihren Armen gehalten und mit mir gesprochen, mich gestreichelt und geküsst. Auch meine Großeltern waren die gesamte Zeit dabei und haben sich von mir verabschiedet. Es war eigentlich ein schöner Abschied von der großen Welt. Ganz viele wichtigen Menschen waren in den letzten Stunden bei mir.

Anschließend haben mich meine Eltern und meine Patentante gewaschen und angezogen. Sie haben sogar Fuß und Handabdrücke als Erinnerung von mir gemacht. In den nächsten Stunden kamen ganz, ganz viele Schwestern, Ärzte und Physiotherapeuten. Sie haben sich alle von mir verabschiedet. Jeder hat gesagt, was ich für ein Wunder bin und wie stolz meine Eltern auf mich sein können. Es war eine angenehmen Atmosphäre. Viele Tränen sind gelaufen aber gleichzeitig wurde auch über viele schöne Momente mit mir gesprochen. Oft wurde auch gesagt, wie stolz ich auf meine Eltern und auch Großeltern sein kann. Sie haben mich in allen Zeiten jeden Tag begleitet und mir immer wieder ganz viel Kraft gegeben.

Jetzt bin ich wieder ein kleiner Engel. Ich schaukele oben auf meiner Wolke, schaue auf euch herab und werde euch nie vergessen! Ich bin glücklich die große Welt und ganz liebe Menschen kennengelernt zu haben.

Euer Engel Arlett Luisa

Wir verabschieden unsere kleine Maus am kommenden Samstag, dem 14.06.08, um 11.00 Uhr in der Apostelkirche in Leipzig-Großzschocher.
Jeder, der Arlett Lebewohl sagen möchte, ist dazu herzlich eingeladen.
Da Arlett bis zur letzten Minute und auch in sehr schweren Zeiten stets fröhlich war, möchten wir eine farbenfrohe Abschiedsfeier gestalten. Deshalb bitten wir von schwarzer Kleidung abzusehen.